Außensicht

Eröffnungen und Einweihungen: Jedem Mandl sein Bandl

Heute sprechen wir über Banddurchschneidung. Rufen wir auf Wikipedia, dem immer noch zuverlässigsten aller Online-Nachschlagewerke, den Begriff auf, dann erscheint als erste Erklärung: Banddurchschneidung, das ist die operative Durchtrennung des Vorhautbändchens, genannt „Frenulum“, am Penis. Vergleichbar also, nur nicht zu verwechseln mit der Beschneidung nach jüdischer Tradition.
Doch nicht dieser medizinischen Bedeutung von Banddurchschneidung widmet sich meine Rubrik von heute, sondern ihrer ordinären bis hochnotpeinlichen Namensverwandten, dem Bandldurchschneiden zu Eröffnungen und Enthüllungen in unserem Land. Es war lange Zeit eine liebenswürdige Gepflogenheit: Bei der Einweihung eines öffentlichen Gebäudes, eines Platzes oder Denkmals war der Eingang mit einem Band verhängt. Jedermann und jedefrau verstand, es war zu warten, bis der Zutritt freigegeben würde. Dem festlichen Anlass entsprechend war das Abgrenzband nicht irgendeine Schnur und auch nicht nur das alarmfarbig rot-weiß gestreifte Plastikband, das wir von Baustellen her kennen, sondern ein Bandl eben, hübsch, und an seinen Enden hielten es keine Betonblöcke, sondern Mädchen im Festkleidl. Ansprachen, Segnung, alles wartete, bis der Ehrengast, gern der Landeshauptmann, vortrat, sich eine Schere reichen ließ, das Band durchschnitt und das Volk zum Eintritt lud.
Das alles in Erinnerung zu rufen, ist leider notwendig, denn zumal jüngere Eröffnungsteilnehmer könnten glauben, eine Banddurchschneidung sei das, als was es heute aufgeführt wird. Sehen wir sie uns an: allein das Band – bald ist es gar kein Bandl mehr. Ein Transparent mit Werbeaufschriften wird daraus. Und immer länger wird es. Notgedrungen. Denn dahinter drängeln, genauer gesagt rempeln so viele Prominenzen, wirkliche und vorgebliche, und schneiden und schnitzeln und schneiden, ein jeder mit seiner Schere. Wer das Band hält? Man sieht es nicht. Es ist zu lang fürs Foto, weil der Bandlschneider sind zu viele. Und keiner lässt sein „Frenulum“ freiwillig los. 

von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.