Außensicht

Fitness-Influencer: Muskelschwund

Es wäre falsch anzunehmen, dass Technologie unser Leben zwangsläufig einfacher macht. Angenommen beispielsweise, ein Gadertaler Künstler wollte einem Innichner Tennisspieler einen bemalten Turnschuh schenken. Vor 30 Jahren musste er sich dafür einfach eine Stunde ins Auto setzen. Will er heute dasselbe tun, braucht er zuerst eine Online-Präsenz, auf die dann ein Manager aufmerksam wird, der die US-Firma Nike kontaktiert, die den Künstler mit einem „Schuh-Design“ beauftragt. Schließlich nimmt Nike die Schuhe in Empfang und überreicht sie Jannik Sinner, der sie dann – „thank you, amazing“ – auf Instagram präsentiert. Der Prozess ist komplex, die Rollenverteilung auch: Wer ist hier Geschäftsmann, wer ist Produkt?

Auch Politiker wie Sven Knoll haben mit diesen Fragen zu kämpfen und damit, dass sich ihre Arbeit im digitalen Raum immer weiter verkompliziert. Reichte früher Freibier, um Ausländerhass unter die Leute zu bringen, braucht heute jeder Populist seine eigene Online-Armee. Weshalb Knoll vor Kurzem zwei junge Fitness-Influencer zum Kaffee traf. Sie sollten seine Botschaften weitertragen und taten es bravourös: „I hon lei Positives von ihm gelernt und des isch richtig a guater Mensch“, flötete der eine nach dem Knoll-Rendezvous. „Er hot nix gegn Ausländer, lei gegn Ausländer, de Scheiße bauen“, tönte der andere. Wie schön, wenn man solche Fürsprecher hat, die noch dazu billiger sind als Benzingutscheine in Kastelbell-Tschars.

Nun will ich zwei Jungs, deren Muskeln wehrlos waren gegen die Schmeicheleien eines Polit-Profis, nicht zu hart kritisieren. Aber „Realtalk“, lieber Emil, lieber Daniel: Wäre es nicht klug, neben Bizepstrainings künftig auch etwas Brainbuilding zu betreiben? Fragt euch selbst: Seid ihr Geschäftsmänner oder Produkt?

Sven Knoll mag klingen wie euer Freund, aber er ist es nicht, er ist euer Werbepartner. Und ihr habt ihm eure Flächen sehr günstig zur Verfügung gestellt, für zehn Minuten Büroflirt und einen Kaffee. Ein Rat, von Hirnmuskel zu Hirnmuskel: Auf dem sandigen Landtagsplatz hielten sich schon viele für Jannik Sinner. Und stellten später fest, dass man sie behandelte wie einen Turnschuh.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

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