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Außensicht
Lido Salurn: Eine Stunde
Seit Tagen diskutieren wir über eine Stunde, über 60 Minuten an einem Sommerabend. Mehr nicht. Und trotzdem hängen plötzlich Integration, Frauenrechte und Parallelgesellschaften daran. Für 60 Minuten ist das erstaunlich viel Gewicht. Erst recht, wenn sie in einem Schwimmbecken stattfinden.
In Salurn sollen muslimische Frauen an einem Abend in der Woche unter sich schwimmen dürfen (nachdem das Lido bereits geschlossen hat, wohlgemerkt). Die einen sehen darin Rücksicht, die anderen Abschottung. Erstaunlich, was ein Sprung ins Wasser alles auslösen kann. 60 Minuten. Mehr Zeit braucht es offenbar nicht, damit ein ganzes Land seine Vorstellungen von Integration ins Wasser wirft.
Wir erwarten von dieser Stunde zu viel, viel mehr, als sie leisten kann. Ein Jahr hat 8.760 Stunden. Und genau diese eine soll plötzlich zeigen, ob Südtirol Integration kann oder nicht. Plötzlich reden alle darüber. Darunter vermutlich viele, die nicht einmal wissen, wo das Lido von Salurn liegt. Über die übrigen 8.759 Stunden im Jahr spricht kaum jemand. Integration entscheidet sich aber nicht im Wasser. Sondern morgens um halb acht beim Bäcker, wenn man einander grüßt – oder eben auch nicht.
Klar, diese Stunde ist ein Symbol, und Symbole sind nie belanglos. Sonst würden wir nicht über sie streiten. Sie erzählen etwas über eine Gesellschaft, aber eben nie die ganze Geschichte.
Und dabei reden wir hier über den Alltag von Frauen, die wir im Grunde genommen gar nicht kennen und über die wir erstaunlich wenig wissen. Für die eine bedeutet dieser Abend vielleicht Freiheit, die andere will gar nicht hin. Vielleicht ist er Ausdruck religiöser Überzeugung. Vielleicht wollen manche an diesen heißen Tagen einfach nur einmal ins Wasser springen und sich abkühlen. Wir wissen es nicht.
Eine Stunde kann ein Symbol sein. Aber sie erzählt nicht die ganze Geschichte. Die entscheidet sich in den übrigen 8.759 Stunden.
von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin
und Journalistin
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