Freilichttheater – Unterland: (ak) Kasimir (wie eine Stange Dynamit: Emil Lug) ist fertig mit der Welt: Da verliert er seinen Job, ...
Außensicht
Wir im Straßenverkehr: „Fahr doch“
Da brodelt es plötzlich in meinem Brustkorb. Erst wird es warm, dann heiß, bis es brennt. Die Augen weiten sich, die Nasenflügel auch, fast wie bei einem Pferd. Und bevor ich mich versehe, kommen Schimpfworte über meine Lippen, die ich in Gegenwart anderer Menschen eigentlich nie verwenden würde. Gleichzeitig wandert die Hand von der Gangschaltung zur Hupe – und drückt ordentlich drauf, bis der Ellbogen gestreckt ist. Der Grund? Der Vordermann steht seit drei Sekunden an einer grünen Ampel. Drei Sekunden. Und ich ticke durch.
Ich bin eigentlich ein besonnener Mensch, zumindest außerhalb meines Autos. Im Straßenverkehr wundere ich mich manchmal über mich selbst – aber auch über viele andere. Da reicht ein vergessener Blinker, jemand, der auf einer Dreißigerstraße tatsächlich 30 fährt, oder einer, der aufs Handy statt auf die grüne Ampel schaut – und schon steigt das Zornlevel.
Schon erstaunlich, wie schnell aus einem Menschen einfach „der da vor uns“ wird. Im echten Leben würden wir einem Fremden kaum „Fahr endlich, du Lopp!“ entgegenschreien. Das Auto dagegen ist fast wie eine eigene Welt, und da fühlen wir uns schnell berufen, ihn zu beurteilen, zu belehren und zu beschimpfen.
Zwischen wüsten Beschimpfungen und handgreiflichen Taten liegen aber Welten. Doch wie schnell diese Welten verschwimmen können, hat vor wenigen Tagen ein Mann im Piemont gezeigt: Er ist mit seinem Auto in eine Radfahrergruppe gefahren und danach noch mal umgekehrt, um die Gruppe erneut anzufahren. Spätestens da ist Schluss mit lustig.
Warum ticken wir im Auto so schnell aus? Ob ich fluche oder total ausraste, ändert ja gar nichts daran, ob ich schneller vorankomme.
Ich hab mir jedenfalls vorgenommen, mir öfter mal zwei Sekunden Zeit zu nehmen. Einatmen. Ausatmen. Mundwinkel nach oben. Und wenn es gar nicht anders geht: winken. Oder einen Handkuss schicken. Nicht, weil der andere ihn verdient hätte, sondern weil es mir danach verdammt viel besser geht.von
Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin
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