Außensicht

Jugendliche und Nazi-Symbole: Es ist nicht okay

Nazi-Symbole an Wänden, rechtsextreme Parolen und Gesten von Jugendlichen: Nein, das ist nicht okay. Die Empörung darüber ist richtig und wichtig. Aber während alle schreien, sollten wir uns fragen, wer diese Jugendlichen sind. Was suchen sie? Wirklich eine Ideologie? Oder eine Gemeinschaft? Anerkennung? Aufmerksamkeit und eine Aufgabe? Jemanden, der ihnen zuhört? Was kommt zuerst: die Ideologie oder das Gefühl, irgendwo dazuzugehören? Für viele Jugendliche gibt es Orte, an denen sie gut aufgehoben sind. Der Fußballverein bietet eine Mannschaft, die Musikkapelle eine Aufgabe und das Jugendzentrum einen Ort zum Chillen. Aber was ist mit den Jugendlichen, die nirgendwo hingehen? Wie erreichen wir sie? Den 16-Jährigen, der sich langweilt und sich von niemandem verstanden fühlt. Und plötzlich ist da eine Gruppe, die ihm genau das bietet, was er sucht: Zugehörigkeit. Einen gemeinsamen Feind und eine Sprache für seine Wut. Ich kann und will nicht glauben, dass Radikalisierung immer mit einer Ideologie beginnt. Vielleicht beginnt sie manchmal schlicht mit dem Gefühl: Hier nimmt mich jemand ernst. Das macht rechtsextreme Gedanken und Gruppierungen nicht harmloser. Aber vielleicht erklärt es, warum sie bei manchen Jugendlichen auf fruchtbaren Boden fallen. Gerade weil sie menschliche Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung für ihre Zwecke missbrauchen. Wir sollten nicht erst mit Jugendlichen reden, wenn sie Wände besprühen oder Nazi-Posen nachahmen. Wir müssen sie vorher erreichen – auch wenn sie nicht im Jugendzentrum sitzen. Dafür braucht es aber verdammt gute, verdammt aufmerksame Menschen. Überall. Denn die entscheidende Frage ist nicht: Wie holen wir diese Jugendlichen zurück? Sondern: Wo waren sie, bevor wir sie verloren haben? Irgendwann sind sie erwachsen, arbeiten, haben Familie und machen Kreuzchen auf Wahlzettel. Dann ist es zu spät für die Frage, wer sie hätte erreichen können. Vielleicht sollten wir deshalb jetzt anfangen, sie zu suchen. Nicht nur um sie weg von rechts zu bringen, sondern gleich auf die richtige Bahn.

von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin

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