Außensicht

Raser auf den Pässen: Schneller, mein Gott, zu dir

Was ist es im Menschen, das ihn zum Raser macht? Die Geschwindigkeit kann es nicht sein, sonst säße er gemütlich in der Frecciarossa, bei bis zu 300 km/h. Oder meinetwegen Schüttelbrot knuspernd im Sky-Alps-Jet, bei mehr als 600. Den Auto-Raser aber dürstet nach anderem: Er will selbstbestimmtes Risiko und er will es auf Kosten der Welt, die sein Hobby de facto mitfinanziert. Mit Krankenwagen, Polizistinnen, Straßenarbeitern und Umweltschützern, die ihm nachjagen, während er sich fühlen darf wie Gott: Am siebten Tage raste er.
Besonders gern tut er es auf Südtirols Passstraßen, die nach Jahrhunderten des Schafverkehrs Jahrzehnte voller Pferdestärken kennenlernen durften: Zigtausende Porsche Taycans und Panameras, notdürftig kontrolliert von blauen Carabinieri-Subarus, die ihnen nicht nur leistungs-, sondern auch zahlenmäßig unterlegen sind. Zwar ist es nicht so, dass das Problem nicht bekannt wäre: Parteiübergreifend hält man die Höhenbretterer für ein auszumerzendes Übel, im Juni wurden „Motorevents“ ab 1.600 Metern gar verboten. Und trotzdem brachten die darauffolgenden Sommermonate wieder Dutzende Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung, Hunderte kassierte Führerscheinpunkte und eine zweistellige Zahl an eingezogenen Führerscheinen.
Wie geht das? Nun, betroffen sind eben nur ungenehmigte, „organisierte“ Events, wovon sich der unorganisierte Rest natürlich nicht abbringen lässt: Wer mit seinem Ferrari die Dolomiten quält, will Nervenkitzel, dementsprechend sind Verbote eher Anreiz als Abschreckung. Vielleicht könnte man es mit umgekehrter Psychologie versuchen? Schärfere Kontrollen, aber statt Begrenzungen eine Mindestgeschwindigkeit: Wer selbstbestimmtes Risiko will, muss auf den Serpentinen 180 km/h halten. Im besten Fall sind die Stunt-Pass-Fahrer dann so schnell wieder über alle Berge, wie sie gekommen sind. Im zweitbesten schenkt man ihnen ein Schwarz-Weiß-Porträt samt Bibelzitat in einer Lokalzeitung. Niemand hat je gesagt, dass der „Highway to hell“ keine Passstraße sein kann.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

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