Außensicht

Rechtsruck: Empört euch weiter!

Das Wort „Empörung“ kommt vom mittelhochdeutschen „enbœren“, es meint so viel wie: sich aufmachen, sich erheben. Wogegen man sich erheben soll, das verrät seine Entsprechung in anderen Sprachen, zum Beispiel die „indignazione“ im Italienischen oder die „indignation“ im Englischen und Französischen: Gegen etwas, das man als „indignus“, also unwürdig empfindet.
Ich bildungshubere hier nicht zum Selbstzweck, sondern möchte daran erinnern, dass der Begriff durch und durch ehrenwert ist: Auf die Barrikaden gehen gegen etwas, das das moralische Empfinden verletzt. „Empört euch!“, nannte 2010 der französische Widerstandskämpfer Stéphane Hessel, damals 93, seinen Bestseller gegen den Kapitalismus und dessen Auswirkungen, ein starker Titel! Heute würde er ihn vielleicht nicht mehr wählen: dem Sich-Empören wird nun Würdelosigkeit unterstellt.
Aus ganz verschiedenen Ecken wird die Empörung klein gemacht, aus Hilflosigkeit oder Kalkül. Sie wird belächelt, bespöttelt, als wirkungslos abgetan. Sie ist im Begriff, dasselbe Schicksal zu erleiden wie der „Gutmensch“, abgeschoben ins Kämmerlein der naiven Weltfremdheit. Es ist geradezu retro, sich heutzutage noch zu empören: Wer will schon wirken wie ein aufgescheuchter Truthahn?
Wenn eine Südtiroler Parteifunktionärin bei einem AfD-Kongress spricht, wenn ein Landtagsabgeordneter selbstbewusst rassistische Gesten zeigt, wenn Populisten am laufenden Band blödsinnige menschenverachtende Posts absondern: besser cool bleiben, es bringt eh nix. Und schön die Hände in den Schoß. Das ist gewiss vornehmer, als Emotionen, Entrüstung zu zeigen, aber es sendet auch ein fatales Signal: Der sagt nix, dann sag ich auch nix. Halb so wild. Und die Menschenfeindlichkeit hat wieder ein Stück an Boden gewonnen. Jesus hat sich übrigens ganz schön oft empört, liebe Kirche. Da könnt ihr euch was abschauen.
Empörung muss wohldosiert sein, sie darf sich nicht an Kleinigkeiten entladen. Und sie muss mehr sein als bloße Pose, auf sie muss ein Handeln folgen. Empörung gibt Energie und Klarheit. Und ist heute und hier unverzichtbar. Lasst sie euch nicht ausreden. Empört euch weiter. 

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin

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