Außensicht

Autonomie: Umwertung aller Werte

Unsere Autonomie feiert Geburtstag, ihren 80sten, aber im Land – unterm Vorwand Wahlkreis Bozen-Unterland – fallen wieder Parolen von Verrat, Aushöhlung, ja Ausverkauf. In den Kursaal von Meran drangen die Misstöne nicht vor: Die Autonomie-Regie funktioniert noch. Das Kindlein freilich fiebert. Die Zieheltern wissen es, aber Maul halten! Es lebt noch. Lieb Autonomiechen ist pumperlgsund, so wie es ist, und so hat’s zu bleiben.
Nein, bleibt es nicht. Was ihre Verwahrer uns beharrlich für „Grundpfeiler der Autonomie“ verkaufen, den ethnischen Proporz, die Zweisprachigkeitspflicht, wie sie ist, das Wahlrecht, wie es ihnen passt, sie wackeln längst. Und wo sie nicht schon eingestürzt sind, haben sie ihren Sinn ins Gegenteil verkehrt. Eine Umwertung aller Werte ist im Gange. Nicht im moralischen Sinne Nietzsches, von dem die Formel stammt, aber in unserer Autonomie-Praxis.
Unser Proporz, dieser so unverzichtbare: funktioniert, indem er nicht angewandt wird. Kein Landesregierungsbeschluss ohne Abweichung vom Proporz. Seit Jahren. Neues Argument gegen seine Überwindung: Er schütze die Italiener. Stimmt, leider.
Zweisprachigkeitspflicht: 50 Jahre Prüfungen, und? Das Land ist weniger zweisprachig als zuvor. Mit dem Elend, dass es bei uns Deutschen bald nicht mehr besser aussieht als bei den Italienern. Die KI wird das Problem lösen. Deutsche und italienische Jugendliche verständigen sich ohnehin schon auf Englisch.
Eine Konstante bei Wahlen war, dass Politik gemacht wurde. Vorbei. Fortan steht zuerst das gewünschte Ergebnis, und diesem wird der Wahlkreis angepasst. Beispiel neuer Wahlkreis Bozen-Leifers. Auch Italiener müssen nicht mehr demokratisch wählen, sondern völkisch. Wie wir. Moral von der Geschicht: Die Autonomie, von mir aus auch der Frieden darin, ist per Statut auf die Trennung der Sprachgruppen angelegt. Auf das Zelger’sche „Je klarer wir trennen, desto besser verstehen wir uns“. Fürs Unterland fehlte das noch. Jetzt sind unsere Italiener auch politisch eine Volksgruppe, eine Minderheit, wie wir, und die sprachliche Säuberung (ethnische sagt man nicht) ist perfekt.

von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.