Restaurant „Foglium“, Deutschnofen: blitzblankes Camping-Areal mit Dolomitenblick, wo der talentierte Manuel Pichler in sterilem Ambiente die Pfannen schupft.
Außensicht
Der Erfolg der Afd: Der Rand in der Mitte
Ich sitze auf dem Divan und zappe mich durch die Programme. Sachsen-Anhalt wählt. Überall wird diskutiert. Menschen erklären, was passiert ist: Protestwähler. Unzufriedene. Menschen, die der Regierung eins auswischen wollen. Angst vor Veränderung, Migration und wirtschaftliche Sorgen. Und ich merke, wie ich nach einer Erklärung suche, nach der ich beruhigt ausschalten kann. Aber die gibt’s nicht. Was haben sich diese Menschen gedacht, als sie in der Wahlkabine standen? Was bringt sie dazu, ihr Kreuz bei einer Partei wie der AFD zu machen?
Bei einem solchen Ergebnis kann man nicht einfach von ein paar Rechten sprechen. Es sind viele Menschen. Über 570.000 – mehr, als Südtirol Einwohner hat. Und wenn es so viele sind: Ist das dann eine Volkspartei? Bei ein paar Prozent könnte man sagen: Das sind die anderen, eine kleine Gruppe am Rand. Aber was, wenn dieser Rand plötzlich so groß wird, dass er in die Mitte schwappt – dorthin, wo wir stehen? Was, wenn wir mit unserer Überzeugung plötzlich in der Minderheit sind? Beginnen wir zu zweifeln? Nicht unbedingt wegen der besseren Argumente, sondern weil so viele Menschen anders denken. So viele können doch nicht falsch liegen, oder? Doch. Können sie. Aber was macht das mit einem selbst? Ändert man seine Meinung, weil einen jemand überzeugt, oder auch weil man plötzlich merkt, dass man ziemlich allein dasteht? Vielleicht merkt man gar nicht, wann etwas kippt. Man hört etwas einmal und erschrickt. Dann hört man es wieder und wieder und irgendwann erschrickt man nicht mehr. Irgendwann denkt man möglicherweise: Wenn so viele das sagen, wird schon etwas dran sein. Sachsen-Anhalt ist weit weg und hat seine eigene Geschichte. Es wäre falsch, einen geraden Strich nach Südtirol zu ziehen. Aber auch bei uns werden Dinge gesagt, bei denen wir früher noch erschrocken aufgeschaut hätten. Heute hören wir sie und gehen weiter. Vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Was denke ich? Würde ich etwas anderes denken, wenn um mich herum plötzlich ganz Südtirol in die andere Richtung geht?
von Karin Köhl | Nachrichtenredakteurin und Journalistin
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