Außensicht

Kunst und Politik: Die Wand der Schande

Es gab in Südtirol Zeiten, in denen musste sich die Kunst anstrengen, um von der Politik verabscheut zu werden. Sie musste sein wie die Gedichte von N.C. Kaser, der den Tiroler Adler „wie einen Gigger“ rupfen wollte. Oder wie der gekreuzigte Frosch im Museion, der den SVP-Abgeordneten Franz Pahl zuerst in den Hungerstreik und dann versehentlich ins Krankenhaus trieb. Damit es krachte, mussten zumindest ein paar religiöse, heimatliche, erzkonservative Gefühlchen verletzt werden.
Wie also will man irgendwem erklären, was da im Jahr 2026 in Bozen passiert? Patrizia Brillo, Stadträtin für Frauen und Sozialförderung, strich dem Frauenfestival Ella die Förderung, weil ihr ein von Künstlerinnen geplantes Wandbild missfiel. Sollten darauf Vögel gerupft, Amphibien gekreuzigt werden? Nein, der Entwurf zeigt lediglich zwei schwarze Frauen auf Tarotkarten – oder wie Brillo es nennt: eine „woke Vision der Kultur“. Natürlich hatte die Kunstexpertin von den Fratelli auch ein paar Ideen, wie man ihre farbsensiblen Augen hätte besänftigen können: wenn man die abgebildeten Frauen stattdessen einfach rosa anmalte? Oder „die eine weiß, die andere grün-blau“?
Künstlerinnen und Künstler, heißt es gern, hätten ihren Kopf in den Wolken. Sie träumten sich in Gefühlswelten, während andere die harte Realität beackern müssten (Aktien kaufen, Hotels bauen, Ausländer abschieben). Der Fall Brillo zeigt, wie verkehrt dieses Bild ist: Zwei Malerinnen wollten nur zeigen, was ist – auch in Südtirol leben Frauen mit dunkler Haut –, während eine Stadträtin sich geistig verrenkt, um die Wirklichkeit auszublenden: Mit blau-grünen Aliens hätte sie ja kein Problem, aber Schwarze? Oddio!
Das Grundproblem ist freilich die Hybris: Viele Politikerinnen und Politiker sagen, sie liebten Kunst, und meinen eigentlich gefällige Dekoration. Und weil Förderungen in Form von Steuergeld an ihrem Schreibtisch vorbeiziehen, halten sie sich für Mäzene, die bei der Deko ein Wörtchen mitreden, sprich Geld beliebig vorenthalten dürfen. Die Politik hat es dabei leicht, denn Ignoranz wird immer ­billiger: Franz Pahl musste im Kampf gegen den Frosch noch selber hungern. Brillo will, dass es die Kunst tut.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.