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Flaneid

Daheim ist daheim

Aus ff 11 vom Donnerstag, den 12. März 2020

Die neuen An- und Abstandsregeln stellten auch die Politik vor eine Herausforderung. Der Gemeindeausschuss war froh, dass der Bürgermeister mit gutem Beispiel voranging.

Daniel, bleib daheim!“, ordnete Olga Klotz an. Daniel Grüner, Bürgermeister von Flaneid, hatte das Kleingedruckte im neuen Regierungsdekret nicht gelesen und war der festen Überzeugung, dass er keinen Fuß vor die Tür setzen durfte. Klotz, der regierenden Vizebürgermeisterin, war das recht. „Mach alles ich“, sagte sie, „das geht heutzutage digital, weißt du?“ Sie saß wie jeden Tag im Gasthaus Unterganzner und dirigierte von ihrem Handy aus die Amtsgeschäfte. Ein absenter Bürgermeister, der nicht dauernd Bedenken äußern konnte, machte den Ausnahme- zum Idealzustand. „Ich lass’ dir auch etwas zum Essen vorbeibringen“, beendete sie das Gespräch.

„Die Luft ist rein“, sagte sie, „was wollen wir in dieser Zeit erledigen?“ Neben Klotz saßen ihre Amtskolleginnen vom Gemeindeauschuss, jede an ihrem eigenen Tisch, nach der alten Bozner Regel, die jetzt in Rom zum Leitmotiv allen Handelns erklärt wurde: 2 Bozner, 3 Tische. Wenn sich zwei Assessorinnen zueinander beugten, um etwas zu flüstern, kam Wirt Coelestin Unterganzner vorbei und kontrollierte mit einem Schneidermaßband, ob der Abstand von 1 Meter eingehalten wurde.

„Die Kindergartenküche“, äußerte Kulturassessorin Klara Teutsch einen langgehegten Wunsch. „Das Eltern-Kind-Zentrum“, fiel Sozialassessorin Milli Minder ein. „Kein Geld“, beendete Finanzassessorin Hedwig Helfer die Debatte. „Ein Glas“, stöhnte der Ziggl-Franz zwei Tische weiter. Ihm war unwohl. Sein Stammplatz war der Budel, aber dort durfte nicht mehr konsumiert werden.

„So ein Blödsinn“, schüttelte Unterganzner den Kopf über die neuen Abstandsregeln. „Ihr von der Hotellerie habt das auch nach den ersten Fällen nicht ernst genommen“, kritisierte ihn Minder. Klotz ahnte, was da kommen würde, schritt aber noch nicht ein. „Die haben den, das Virus ja mitgebracht, die können ihn in der kurzen Zeit nicht hier aufgeklaubt haben“, wehrte sich der Wirt. „Das wäre allerdings ein Grund gewesen, alle Hotels gleich zu schließen, weil sie ja Touristen und Viren anziehen“, wurde Minder spitzer. Unterganzner ging auf Minder zu, aber Klotz hielt ihre Pranke ehrfurchtgebietend dazwischen: „Abstand halten!“ Nicht mal eine traditionelle Gasthausrauferei ließ die neue Corona-Verordnung mehr zu. Unterganzner ging wieder hinter den Budel und blieb beim verbalen Schlagabtausch: „Du verstehst ja nicht, worum es geht.“ „Um Geld?“, provozierte Minder wieder. Unterganzner hob den Zeigefinger: „Womit bezahlst du übrigens deinen Kaffee?“

„Kann ich aufschreiben lassen?“, fragte Hedwig Helfer ohne besondere Absichten. „Sehr gut“, antwortete Unterganzner, „genau wie der italienische Staat.“

Es waren sonst kaum Gäste im Lokal, alle hatten ihre Gewohnheiten umstellen müssen, auch die Politik, die auch ganz gut aus der Distanz agieren konnte. Klotz verfasste gerade ein Rundschreiben an alle digital erreichbaren Mitbürger und gab Anweisung, das Rathaus nicht persönlich aufzusuchen. „Aus Sorge um eure Gesundheit, eure Olga Klotz“, unterschrieb sie. Sie verzichtete volksnah auf ihren Amtstitel. „Vizebürgermeisterin“ wäre außerdem untertrieben gewesen, weil ja jeder wusste, dass sie regierte.

„Heute keine Messe?“, fragte Klotz unschuldig, als Pfarrer Elmar Kaslatter das Gasthaus betrat. „Jetzt, wo Messen verboten sind, habt ihr ja eine gute Ausrede“, antwortete er streng. „Die Kirche hat halt nicht auf alles Antworten“, gab Klotz frech zurück. Der Pfarrer hob den Zeigefinger für eine Antwort, es fiel ihm aber keine ein. Von oben kam keine Hilfe. Nur. St. Corona, die Schutzpatronin des Geldes, schaute herab und wunderte sich, was in ihrem Namen alles passierte.

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