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Flaneid

Der Abstands-Wauwau

Durch die Coronavorschriften vergrößerte sich die Distanz zwischen den Bürgern. Auch jene zwischen Bürgern und Bürgermeister.

Herr Wachtmeister!“ Pfarrgemeinderatsvorsitzende Rosl Kranz befand sich knapp außerhalb ihrer Wohnung und hatte deshalb einen berechtigten Zweifel. „Putz, Oberst Putz“, unterbrach dieser ihre Frage. Ernst Putz, ranghöchster und einziger Gemeindepolizist von Flaneid, war derzeit oberstes Exekutivorgan In Coronaangelegenheiten. Da der Bürgermeister sich nicht mehr ins Dorf traute, konnte er sich auch jeden Titel anmaßen.

„Horch, Ernst“, übersah Kranz seinen Dienstgrad, „wo kriegt man diese neue Eigenerklärung, die man zum Ausgehen braucht?“ „Die gibt’s überall im Internet.“ „Ich hab’ daheim schon irgendwo Internet, aber wie krieg ich die aus dem Internet heraus? Ich hab’ keinen Drucker.“ „Drüben im Laden kriegen Sie sicher einen.“ Kranz glaubte an die Obrigkeit und das Gesetz: „Aber ich muss jetzt nichts einkaufen. Ist der Weg bis zum Laden dann legal?“ Putz fühlte sich am falschen Fuß erwischt. Er sah in seinen Jackentaschen nach, fand keinen Zettel, aber eine Lösung: „Tun Sie, was Sie tun müssen, ich geh’ derweil in die Haspingerstraße, um dort strenge Kontrollen durchzuführen.“

„Werte Mitbürgerinnen und Mitbürger, Volk von Flaneid!“ Da er nicht mehr persönlich unters Volk beziehungsweise ins Gasthaus Unterganzner durfte, hatte Bürgermeister Daniel Grüner aus der Not eine Tugend und aus seiner Stube ein Homeoffice gemacht, von dem er sich täglich an seine Mitbürger wandte, um ihnen nahe zu sein.

Er verbreitete seine Videobotschaften über Facebook, Youtube oder wie diese neuen Hirnviren sonst noch hießen. Er schaute mit großen Augen durch die Kamera hindurch direkt ins Wohnzimmer seiner Untertanen. Er hatte ein Tuch um den Hals und im Kugelschreiberköcher steckte ein Fiebermesser. Kurz: Er meinte es ernst. „Liebe Flaneiderinnen und Flaneider, es ist eine Zeit der schweren Not beziehungsweise eine schwere Zeit der Not, äh, aber wenn wir alle zusammenhalten … Wichtig ist, dass wir jetzt alle die Abstände und Regeln einhalten, und ich muss sagen, die allermeisten halten sich auch daran. Aber nicht alle. Von meinem Fenster aus sehe ich immer wieder Mitbürger, die ziellos durchs Dorf spazieren und ihre Viren herumschleudern ...“

„Was redet der da?“ Olga Klotz, regierende Vizebürgermeisterin von Flaneid mit Anspruch auf mehr, schaltete das Bürgermeistervideo aus und legte das Handy wieder beiseite. Der Gemeinde-ausschuss war wieder – bei Kerzenlicht und hinter zugezogenen Vorhängen – im Unterganzner versammelt, obwohl ihm Bürgermeister und Gesetz diese Versammlung verboten hatten. Beide wurden nicht sonderlich ernst genommen.

„Der will sich unsympathisch machen“, pflichtete Sozialassessorin Milli Minder bei. Unsympathisch? Recht so! Klotz rief Grüner an: „Du, wir vom Ausschuss haben uns gerade, äh, per Videokonferenz beraten und wir sind alle deiner Meinung. Man muss die Dinge und die Leute direkt ansprechen! Hast du übrigens gesehen, dass die Rosl heute in den Laden gegangen ist, um eine Kerze zu kaufen? Ist das notwendig?“

„… und da muss ich sagen, dass gerade die, die eine Vorbildfunktion haben, sich nicht an die Regeln halten oder mit Ausreden herumspielen.“ Grüner schaute wieder eindringlich in die Kamera. „Liebe Rosl Kranz, warum brauchst du jetzt, wo es Wichtigeres gibt, eine Kerze? Oder war das nur eine Ausrede für einen Spaziergang? Und du, Ebenwieser Franz, seit wann hast du einen Hund? Ist der überhaupt echt? Und warum muss die Erna jeden Tag eine Rolle Klopapier kaufen?“

Videobotschaft um Videobotschaft wurde Grüner seinen Flaneidern immer fremder. „Der ist politisch tot“, sagte Klotz zufrieden, „sozusagen der erste Coronatote in Flaneid.“ „Müssen wir den in Bozen melden?“, fragte Minder.

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