Flaneid

Politik direkt

Das Volk wünscht mehr Transparenz. Eine Live-Übertragung der Gemeinderatssitzung scheitert aber mangels Deutschkenntnissen.

Moment … OK!“ Coelestin Unterganzner tat wenigstens so, als könnte er den QR-Code seiner Gäste mit bloßem Auge kontrollieren. Wenn sie ihm ihren Green Pass schon freiwillig hinhielten, dann wollte er sie nicht enttäuschen. Ihm fiel auf, dass vor allem die Gäste aus Italien den Pass herwärts zeigten. Die Deutschen fragten eventuell nach, ob das hier Pflicht sei. Und die Einheimischen setzten sich mit einem „Griaßdi“ einfach an einen Tisch. So waren alle zufrieden. Fast alle.

Der Gemeindeausschuss, der lieber im Unterganzner tagte als im Rathaus, war jedenfalls zufrieden, drückte ein Auge zu und sah mit dem anderen weg. Dieses Wegsehen wurde aber gesehen. „Meint ihr nicht, ihr solltet die Sache ein bisschen ernster nehmen?“, fragte Pfarrer Elmar Kaslatter und setzte sich dazu, „die Bürger müssen überall den Grünen Pass herzeigen, und ihr geht im Rathaus ein und aus, ohne dass jemand nachschaut.“ „Und wer kontrolliert in der Kirche?“, fragte Olga Klotz, die regierende Vizebürgermeisterin. „Der Herr sieht alles“, antwortete der Pfarrer und war beleidigt. Er ärgerte sich, wenn man die Kirche in Vergleiche hineinzog.

Den Schlagabtausch zum Grünen Pass hatte auch Frieda Unterfertinger bemerkt, Flaneids Speerspitze in Sachen direkter Demokratie. „Nur damit ihr’s wisst“, sagte sie, „ich hab’ mich draußen ein bisschen umgehört, wie die Leute über den Grünen Pass für Politiker denken.“ Dann knallte sie dem Bürgermeister einen Packen Papier hin, alles Unterschriften für ein Referendum, die sie in weniger als einer Stunde gesammelt hatte.

Klotz warf nur einen Blick auf die Fragestellung und wusste schon, wie die Volksbefragung ausgehen würde: „Wollt ihr, dass auch die da oben gefälligst …?“ Weiter brauchte sie nicht lesen. „Von mir aus können wir den Pass gerne vorweisen“, sagte sie, „wenn’s nichts weiter ist.“ „Doch, da ist noch etwas“, sagte Unterfertinger und legte die untere Hälfte des Stapels frei, „die -Flaneider wollen eine komplette Videoübertragung der Gemeinderatssitzung. Damit sie auch überprüfen können, ob ihr die Abstands- und Maskenpflicht einhaltet.“ Das kam einem Misstrauensantrag des Volkes gegen die gemeinen Volksvertreter gleich. Bürgermeister Grüner wollte schon einlenken, aber Klotz kam ihm zuvor: „Okay, wir machen das, dafür braucht ihr kein Referendum. Aber für die Videoübertragung machen wir zuerst einen Probelauf. Wir müssen sehen, ob das technisch überhaupt machbar ist.“

Unterfertinger war zufrieden. Theresia Wiedersacher von der Opposition, die das Anliegen voll und ganz unterstützte, wurde zur Strafe mit der Kameraführung betraut. „Du bürgst für Objektivität“, sagte Klotz. Dann redet sie weniger, dachte sie. Der Gemeindesekretär wurde mit der technischen Evaluierung des Trockentrainings beauftragt, das der Gemeinderat an einem Samstagabend abhielt.

„Orschloch“, sagte der Gemeindesekretär am Montag im Büro zum Bürgermeister. „Was erlaubst du dir?“, empörte sich Grüner. „Ich meine nicht Sie, Chef, sondern das Wort“, entschuldigte sich der Sekretär, „das hat der Ebenwieser zum Harasser gesagt. Normalerweise streiche ich so etwas aus dem Protokoll, aber wenn’s schon alle im Video gehört haben …“ Ähnliche Schwierigkeiten ergaben sich mit dem Kommentar Harassers zur Auskunft des Bürgermeisters über die Parkplatzsituation in der Fraktion Kipf („Mawalá“). „Und auch sonst folgt das Ganze nicht den Regeln der Grammatik“, fügte der Sekretär hinzu.

Nach sorgfältiger Prüfung der Videoaufzeichnung kam der Gemeinderat zur Einsicht, dass er, von außen besehen, keine gute Figur machte. Frieda Unterfertinger wurde vom Bürgermeister davon in Kenntnis gesetzt, „dass es technische Probleme gibt“.

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