Flaneid

Die falsche Ecke

Die Impfskeptiker verstärkten ihren Widerstand. Und zeigten dabei mindestens so viel Fantasie wie ihre Feinde.

Ihr wisst ja überhaupt gar nichts!“ Theresia Wiedersacher, Gemeinderätin der Opposition, hatte ihren Spaß mit dem Schulamt. Sie war vom Impfen nicht so überzeugt, vom Gegenteil eher, ärgerte sich über die immer engeren Schutzbestimmungen und wollte ihrem Sohn Max nicht die Masken-Stauluft und das tägliche Nasenbohren zumuten. Also hatte sie auf Elternunterricht umgestellt, was einem laut breiter Auslegung der Verfassung ja zustand. Aber wenn die da oben ihre Bürger immer mehr ärgerten, so wollte sie es ihnen mit gleicher Münze zurückzahlen.

„Ich habe eine einfache Frage gestellt. Mein Sohn hat sich während des Hausunterrichts nicht benommen und muss jetzt Ecke stehen. Ich will von euch nur wissen, in welcher, weil in der rechten hinteren Ecke steht der Kachelofen, und das wäre dann keine Strafe nicht, und in der vorderen links ist ein Glaskasten, den ich jetzt eigens verräumen müsste …“ Sie geriet in die nichtelektronische Warteschleife der schulamtlichen Telefonanlage: „Äh…“

„Ja, wissen Sie es jetzt oder nicht? Ihr habt gerade erst das Gesetz gemacht, ihr werdet doch wohl auch ein paar Durchführungsbestimmungen in der Schublade haben, die auf die einzelnen konkreten Fälle eingehen.“ „Äh…“ „Also?“ „Äh, ja, hier steht etwas. Sie müssen, während das Kind in der Ecke steht, den Unterricht für die anderen Kinder derweil fortsetzen, das heißt…“ „Welche anderen Kinder, ich bin einfache Mutter!“ „Ach so, äh…“ Wiedersacher knallte den Hörer auf die Gabel. Sie war zufrieden mit dem ersten Kontakt. Und sie nahm sich vor, weiterhin für ihr Wohlergehen zu sorgen.

„Was, Weißwurst! Wenn ich mich für euch stechen lasse, dann muss es schon eine Schweinshaxe sein, eine ganze!“ Xaver Ebenwieser vertrat die Biobauern unter den Impfzauderern bei den Verhandlungen mit dem Gemeindeausschuss. Sie saßen sich im Gasthaus Unterganzner gegenüber, und jede Runde ging natürlich auf die Gemeinde. Gesamtsprecher der „Vorsichtigen“ war Mirko Pickel, Langzeitjugendlicher mit Erfahrung im Querulieren.

„Viel zu gnädig, Franz“, sagte er, „ich will eine Vespa, aber eine echte, keinen Nachbau.“ Olga Klotz, regierende Vizebürgermeisterin, hatte sich vorgenommen, nicht aus der Haut zu fahren. Sie beschränkte sich darauf, den Wunschzettel mit solcher Kraft zu beschreiben, dass es ihn zerriss. Die Gemeinde wollte bei den Impfstatistiken gut dastehen. Es könnte ja einmal bei der Gemeindefinanzierung eine Rolle spielen. „Und du, was möchtest du?“, säuselte sie Lehrerin Hedwig Zehnleser an. „Ein Wellnesswochenende hier in Flaneid.“ Coelestin Unterganzner, der Wirt und Besitzer aller 14 Flaneider Hotels (Wellnesshotels inbegriffen), machte das Vogelzeichen.

„Ihr braucht uns ja nur, um die Statistik zu schönen, wie der Kurz…“, versuchte Pickel, den Preis weiter zu heben. „Wir wollen hier nur die Situation in Griff bekommen“, schlug Klotz einen anderen Ton an, „und wenn es nicht im Guten geht, dann passen wir die Immobiliensteuer für euch persönlich an.“ „Der Impfstatus ist kein Kriterium für die Gis“, warnte Pickel. „Nein, aber ich weiß, wo ihr wohnt“, sagte Klotz bedrohlich.

„Und? Welche Ecke? Wisst ihr’s jetzt?“ Wiedersacher nahm wieder das Schulamt aufs Korn. „Äh…“, sagte die amtliche Warteschleife. Dann aber kam doch etwas: „Wir haben da eine neue Verordnung, die in Ihrem Fall vielleicht zutreffen würde. Da steht, dass in dieser Ausnahmesituation, das Verbot körperlicher Züchtigung nicht mehr als absolut gesehen werden muss und dass Sie deswegen, im Dringlichkeitswege …“ „Und, was heißt das?“ „Vergessen Sie die Ecken, sie dürfen dem Buben eine runterhauen.“ „Aha“, sagte Wiedersacher. „Aua!“, sagte Max.

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