Flaneid

Lieber tot als rot

Auch Nichtwissenschaftler beschäftigten sich wieder mehr mit der Farblehre. Die Flaneider arbeiteten dazu ein neues Modell aus.

Jetzt nur nicht rot werden!“ Es war keine 15-jährige, die in der Disko den sportlichen Blondschopf musterte, der direkt auf sie zukam, sondern Olga Klotz, regierende Vizebürgermeisterin von Flaneid, die ansonsten keine Angst kannte. Diesmal war es echte Sorge. Die täglichen Coronazahlen in der Zeitung machten sie nervöser als der Kaffee. Beides nahm sie gewöhnlich am frühen Vormittag im Gasthaus Unterganzner zu sich.

„Wie meinst du?“, fragte Coelestin Unterganzner, der ihr den Kaffee hinstellte. Sie zeigte ihm die Zahlen und daneben einen Artikel, der genüsslich beschrieb, was farbigen Gemeinden, von gelb bis rot, in nächster Zukunft an Einschränkungen blühen konnte. Auch der Gastronomie. Auch in Flaneid, wo die Inzidenzen stiegen. „Mit mir nicht“, sagte Unterganzner, „das mach‘ ich nicht mehr mit! Ihr könnt doch nicht …“ „Wir?“, fragte Klotz und machte ihm klar, dass sein Schicksal nicht in der Hand der Gemeinde lag. „Also braucht es euch gar nicht“, sagte er und ging wieder hinter den Budel.

Das hatte gesessen. Mit einem Halbsatz wurde die lokale Brutstätte der Demokratie, die Keimzelle des Staates, die unterste Stufe der Obrigkeit einfach weggewischt. Das konnte politisch gefährlich werden, das konnte Schule machen. Klotz griff zum Handy und beorderte ihren Bürgermeister zu sich: „Es brennt.“

„Wir brauchen die farbigen Zonen“, erklärte Klotz Bürgermeister Daniel Grüner, der zusammen mit Parteiobmann Max Minder und Feuerwehrkommandant Florian Lösch in Unterganzners hintere Zirmstube gekommen war. „Wie die Bozner?“, fragte Grüner. „Nein, nicht zum Parken“, sagte Klotz, „so wie Italien mit den Regionen, gelb heißt leicht infiziert, orange heißt schwer infiziert und rot…“ „Und das wirkt?“, fragte Lösch. „Wenigstens sieht es danach bunt aus“, antwortete Klotz, „nein, wir brauchen die farbigen Zonen auf Fraktionsebene. Bevor wir Farbe wechseln, schieben wir alle Fälle nach Grünwald, machen Grünwald dicht und haben heraußen Ruhe vor den Einschränkungsmaßnahmen.“ Grünwald war neben Harpf, Kipf, Zepf und Töpf die fünfte Fraktion Flaneids, bestehend aus zugereisten Städtern, die im Dorf niemand mochte. „Nicht einmal eine eigene Feuerwehr haben sie“, lautete Löschs Gesamturteil. Grünwald war zudem abseits gelegen und eignete sich daher gut als Quarantäneviertel.

Alle vier nickten. Es war beschlossene Sache, ebenso der Auftrag an Bürgermeister Grüner, nach Bozen zu fahren und dort die neue Farbenlehre auszuhandeln. „Sag ihnen, wir wollen mehr Handlungsspielraum, um effizienter durchgreifen zu können“, gab ihm Klotz ein Stück Argumentationshilfe mit, „sie sagen das ja auch gegenüber Rom.“

Derweil stiegen die Zahlen immer weiter. Auch in Flaneid gab es Gerüchte von Coronapartys. Aber Ernst Putz, dem ranghöchsten und einzigen Gemeindepolizisten, war es noch nicht gelungen, einen Heuhaufen zu finden, geschweige denn eine Nadel.

„Und?“, fragte Klotz, als der Bürgermeister aus Bozen zurück und Unterganzner neben ihm war. „Sie verstehen’s nicht“, antwortete er. „Mehr können wir nicht tun“, sagte sie zu Unterganzner. Hoffentlich versteht er das jetzt, dachte sie. Wenn etwas anzuzweifeln war, dann den Staat, das Land oder die Briefmarkensammlervereinigung, aber nicht die Gemeinde.

Unterganzner beschloss, es auch nicht zu verstehen: „Ihr seid trotzdem zu nichts gut.“ Und er gelobte, sich an nichts mehr zu halten, keine Regel, keine Vorschrift. Das Maß sei voll.

Da fasste sich Grüner, der bereits einen Auftrag vermasselt hatte, ein Herz und nahm den Wirt beiseite: „Wenn du nicht spurst, veranstalte ich eine Coronaparty, die Flaneid noch nicht gesehen hat. Dann ist alles rot. Und du bist zu.“

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