Leserbriefe

Zweisprachigkeit

Über eine griechische Sprachminderheit in Apulien – und was das mit Südtirol zu tun hat

Der Verfasser dieser Zeilen hält sich im Augenblick im Salento, Provinz Lecce, auf. Zwischen der Provinzhauptstadt und dem Städtchen Maglie liegt ein Gebiet von etwa sieben Gemeinden, in denen seit der Antike eine dem Dorischen verwandte Variante des Griechischen gesprochen wird. In der Glossa grika gibt es alt- wie neugriechische Merkmale, wobei diese Art des Griechischen in der Region Apulía so weit von der Sprache Athens entfernt ist wie die Dialekte Süd-Zyperns oder Kretas. Wenn es keine pädagogischen Kräfte gibt, die Hintertürchen finden, um das Griechische ab und an in die Klassenzimmer kommen zu lassen, bekommen schulpflichtige Kinder nichts von ihrer eigenen Sprache beigebracht.
Zudem wird in den Klassenzimmern die Vorstellung vermittelt, wonach „richtig“ und „gebildet“ sprechen hieße, in der Sprache des Staates zu sprechen und zu schreiben – ein wahrheitsgemäßer Geschichtsunterricht, der nicht die Ideologie eines Goffredo Mameli aufbauscht, würde ein wahrheitsgetreues Bild der griechischen Kultur und des Stellenwertes der griechischen Sprache liefern. So darf es nicht verwundern, dass sich junge Leute von ihrer Familiensprache distanzieren, in einer ihrer Abstammung fremden Sprache den Weg zu Fortkommen und Karriere sehen, ihre eigene Sprache, Kultur, ihre Identität und im Grunde ihr eigenes Selbst ablehnen.
Einige couragierte Intellektuelle in Apulien fordern: Zweisprachigkeit in Schulen und Öffentlichkeit, auch die eigene Sprache zusätzlich zur Staatssprache, als Weg zur Rettung der eigenen Sprache. Ein wesentlicher Unterschied zur Südtiroler Politik, wo man eine zweisprachige Schule als Anfang vom Ende sieht und worin Kämpfer für die Glossa grika den Weg zur Rettung sehen: Wie soll man also den Widerstand in Südtirol gegen die Zweisprachigkeit an Schulen nennen? Etwa Angst, Panik oder Hysterie? Nebenbei bemerkt: Den Ladinern traut man die Dreisprachigkeit in den Schulen zu, selbst will man die Zweisprachigkeit nicht. Was klar und deutlich heißt: Es wird nicht mit demselben Maß gemessen.

Georg Lezuo, Bozen