Von Pater Haspinger bis zum Duce: In Südtirol tragen Straßen, Plätze und öffentliche Gebäude Namen von Männern mit zweifelhafter Biografie. Sollen wir ihr Vermächtnis weiterhin hochhalten?
Leserbriefe
Braune Bürde
Benito Mussolini bleibt Ehrenbürger von Trient. Was sagt das über Politik und Gesellschaft? Leitartikel in ff 13/26
Der Gemeinderat von Trient hat Mussolini die Ehrenbürgerschaft nicht aberkannt. Die Rechtsparteien haben das Spiel nicht mitgemacht. Der Aufschrei unserer SVP war laut, von Schande war die Rede. Aber immerhin hat man es in Trient – die gemäßigten Parteien zumindest – versucht. Meines Wissens ist Mussolini aber auch in Südtirol immer noch in einigen Gemeinden Ehrenbürger; man will nur nicht an dieser Sache rühren. Und auch in Brixen ist immer noch ein faschistischer Oberstleutnant als Ehrenbürger eingetragen. Der Aufschrei ist insofern heuchlerisch, weil die SVP unter der derzeitigen Regierungskonstellation gar nicht den Mut hätte, solche Aberkennungsanträge einzubringen.
Derzeit wird die Sache mit den Liktorenbündeln an der Brücke in Stegen hochgespielt. Nun, in Stegen wussten die wenigsten Bürger überhaupt, dass es diese faschistischen Relikte gab, und sie haben bis zum Abbruch der Brücke auch niemanden gestört. Deshalb muss man den Brunecker Gemeinderat auch nicht lobhudeln wegen der Ablehnung der Wiederanbringung der Objekte an der neuen Brücke in Stegen.
Aber zäumen wir das Thema anders auf: Die SVP, oder eine andere gemäßigte deutsche oder italienische Partei, könnte, wenn hinter dem Aufschrei zu Trient eine echte Abneigung gegenüber faschistischen Relikten bestünde, ja einen neuen Anlauf machen und die Sache mit dem Siegesdenkmal noch einmal auf den Tisch legen. Man könnte gespannt sein, wie ein Namensänderungsantrag, etwa in Friedensplatz, im Gemeinderat von Bozen oder im Landtag ausgehen würde.
Meine persönliche Meinung: Erinnerungsstücke, ob Ehrenbürgerschaften oder Denkmäler, kann und soll man nicht auslöschen, auch nicht ins Museum stellen. Sie sollen im geschichtlichen Kontext bzw. am Ort des Geschehens dokumentiert und erklärt werden. Wer den Kontext bzw. den erklärenden Text verstehen will, den wird das Erinnerungsstück nicht mehr stören; im Gegenteil: Er/Sie wird eine Lehre für die Gegenwart daraus ziehen. Und Trient kann auch zeigen, dass man mit Ehrenbürgerschaften – aber auch bei den diversen Ehrenzeichen – sowohl bei der Zuerkennung als auch bei der Aberkennung viel vorsichtiger umgehen sollte.
Josef Gasteiger, Sterzing
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