Leserbriefe

Grüne Energiewende

Aus ff 18 vom Donnerstag, den 30. April 2026

Warum der Zeitfaktor wichtiger ist als die Technologiefrage

Die energiepolitische Debatte dreht sich häufig um die Frage, welche Technologie die richtige ist: Kernkraft, Gas, Solar, Wind. Dabei wird ein entscheidender Faktor systematisch unterschätzt: die tatsächliche Umsetzungszeit. In der europäischen Realität vergehen vom Beschluss bis zur Inbetriebnahme eines Kernkraftwerks häufig zehn bis 20 Jahre. Flamanville 3 in Frankreich brauchte 17 Jahre, Olkiluoto 3 in Finnland 18.
Photovoltaik funktioniert in einem völlig anderen Zeitrahmen: Selbst größere Anlagen im Megawattbereich können innerhalb weniger Monate errichtet werden. Solarstrom kostet heute 35 bis 55 Euro pro Megawattstunde, Strom aus neuen Kernkraftwerken 130 bis 200 Euro, drei- bis viermal mehr. Solaranlagen haben keine Brennstoffkosten, minimalen Wartungsaufwand und sind beliebig skalierbar, vom Hausdach bis zum Gigawatt-Park.
Der weltweite Ausbau erneuerbarer Energien wächst exponentiell. Am eindrücklichsten zeigt sich das in China: 2024 wurden dort 277 Gigawatt neue Solarkapazität installiert, mehr als im gesamten Rest der Welt zusammen. China ist trotzdem kein Vorbild, 2024 wurden 66,7 Gigawatt neue Kohlekapazität genehmigt. Aber genau darin liegt eine Erkenntnis: Energiewende ist kein Entweder-oder. Die Richtung wird durch Geschwindigkeit bestimmt, nicht durch Reinheit des Ansatzes.
Auch der häufig vorgebrachte Einwand des Flächenbedarfs relativiert sich bei genauerer Betrachtung. Ein Elektroauto ist rund 3,5-mal effizienter als ein Verbrenner, eine Wärmepumpe dreimal effizienter als ein Gaskessel. Bei voller Elektrifizierung halbiert sich der Gesamtenergiebedarf, weil ein Großteil der heutigen Energie als Abwärme verloren geht. Rechnet man mit diesem reduzierten Bedarf, würden rund 2,5 Prozent der europäischen Agrarfläche genügen, um den gesamten Energiebedarf der EU solar zu decken.
Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit Energiepflanzen: Allein in Deutschland werden heute 2,5 Millionen Hektar für Biogas-Mais und andere Energiepflanzen genutzt; das ist mehr als doppelt so viel Fläche, wie Solar für den gesamten deutschen Energiebedarf bräuchte.
Die Physik der Energiewende ist längst geklärt. Was fehlt, ist die Geschwindigkeit der Umsetzung.
Philipp Volgger, Pfitsch

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