Leserbriefe

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Otto in Berlin
Eine Südtiroler Familienaufstellung in der ­deutschen Hauptstadt
Dramatis personae: Otto, Selbstdarsteller im Vorwahlkampf-Modus. Harald, SVP-Sprecher für alles, vor allem für die Moral. Roland, Bruder, Chef der Freiheitlichen und damit Ottos Chef.
Akt 1: Der Berliner Pilgerweg.
In gut zwei Jahren sind Wahlen. Das ist in der Politik quasi übermorgen. Otto spürt das Kribbeln. Aufmerksamkeit muss her. Was zieht immer? Berlin! Und wer zieht in Berlin immer? Die AfD! Otto fährt nach Berlin und sucht nach AfD-Bossen für ein paar Selfies. Ein Foto mit Weidel, eins mit Chrupalla, vielleicht noch ein verträumter Blick über die Spree mit einem AfD-Bundestagsneuling. Das gibt Likes. Das gibt Schlagzeilen. Das gibt zu Hause Empörung – also genau das, was man braucht.
Akt 2: Der smarte Harald.
Dem smarten Harald gefällt das gar nicht. Er ist SVP-Sprecher und als solcher zuständig für Haltungsnoten. Er tritt vor die Presse, runzelt die Stirn und fordert feierlich: Die Koalitionsgenossen sollen sich bitte abgrenzen! Nur dumm, dass das Internet nichts vergisst. Derselbe smarte Harald hat Marc Jongen zum Wahlerfolg der AfD gratuliert. Und Alice Weidel findet er auch – Zitat – „hoch qualifiziert“. Hoch qualifiziert wofür, fragt man sich. Für Rhetorik? Fürs Schattenkabinett? Für den Neujahrsempfang der SVP-Wirtschaft? „Hoch qualifiziert“ klingt immer gut, fast wie „bodenständig“ und „leistungswillig“ zusammen.
Akt 3: Der Familienbetrieb.
Richtig peinlich wird es beim Blick ins Organigramm. Ottos Partei, die Freiheitlichen, wird von Roland geführt. Roland ist Haralds Bruder. Damit kollabiert das alte Südtiroler Erfolgsmotto „Wähle einen, bekomme zwei“ endgültig. Bisher hieß das: Du wählst die SVP, du bekommst Stabilität und Arbeitsplätze. Jetzt heißt es: Du wählst einen Bruder, du bekommst die Verwirrung gratis dazu. Der eine Bruder führt die Partei, deren Mitglied nach Berlin fährt, um mit der AfD zu kuscheln. Der andere Bruder fordert, sich von genau jenen zu distanzieren, denen er selbst zum Wahlerfolg gratuliert und deren Vorsitzende er hoch qualifiziert findet.
Man darf nun wirklich gespannt sein, wie das Brüderlein seinem Bruder antwortet. Wahrscheinlich wie immer in Südtiroler Familienbetrieben: Erst wird geschwiegen, dann wird ein Blick getauscht und am Ende heißt es: „Des muasch du schun verstehn, des isch komplex.“ Die Moral von der Geschicht: Wer nach Berlin fährt, um Aufmerksamkeit zu bekommen, bekommt sie. Nur halt nicht die, die er wollte.
Alexander Holzner, Lana

Das Ende der Mission
„Außensicht“ von Anton Rainer in ff 40/26
Die Kolumne stellt in den Fokus, dass etablierte ­Firmen werdende Eltern mit kinder­spezifischer Werbung behelligen, bevor das Kind überhaupt geboren ist (also eine privacy- und familienbezogen übergriffige Vorgehensweise), während die Kirchen (egal welcher Konfession) den journalistischen Jungvater und seine Partnerin noch nicht heimgesucht haben.
Diese Enthaltsamkeit stellt der Verfasser des Artikels gewissermaßen narzisstisch gekränkt und deshalb umso bissiger an den Pranger: Da hätten die Kirchen doch eigentlich was zu tun, zumal deren Oberinfluencer Jesus die richtige Gangart doch schon vorgemacht habe: Bergpredigt als News­letter, Brot und Fische als Geschenke­box. So einfach geht Theologie?
Anstatt journalistische Expertise infrage zu stellen, möchte ich einen phantasmatischen Gegenentwurf skizzieren: Wie wäre im Hause Rainer eine spontane Heimsuchung der territorialen Gemeinde aufgefasst worden: „Guten Tag, wir sind von der ... Kirchen­gemeinde. Sie wohnen doch hier und werden bald Eltern. Wir würden uns gern mal mit Ihnen über Religion und Ihr zukünftiges Kind unter­halten.“ Was hätte Anton Rainer dann wohl für einen Artikel gestartet?
Ich bin Psychiater und habe das Privileg, mich aufgrund meines Berufs aus ideologischen Fragen heraushalten zu dürfen/müssen. Aber ich höre ja nicht auf, Staatsbürger und Zeitgenosse zu sein. Mir scheint, dass es mittlerweile egal ist, was die Kirchen tun oder nicht tun. Wer immer Lust (oder Bedarf) hat, Schuldige zu suchen, nimmt sich die Kirchen vor. Mag sein, ich habe mit ­jemandem aus der Kirche eine alte Wunde und Kränkung offen. Die ist zu begleichen. Aber im professionell-­öffentlichen Ambiente und „einfach so“ als Journalist und Jungvater so spitz daher zu schwadronieren, das mag populär sein, aber ist eher populistisch; darüber hinaus ist es ­meines Erachtens berufsethisch unlauter und medial kontra­produktiv. Die Engländer sagen dazu so: „Some persons say something, and some persons have something to say.“ Die klassischen Römer sagten es lakonischer: „Si tacuissis ...“
Ingo Stermann, Bozen

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