Außensicht

Meloni und Trump: Contenance

Normalerweise bin ich hocherfreut, wenn bei respektablen Persönlichkeiten aus der oft so steifen Politik die Fassade verrutscht und Menschliches zum Vorschein kommt: Brigitte Macron, die ihrem Mann eine scheuert, zum Beispiel. Ebendieser Mann, immerhin französischer Staatspräsident, der für Fotos selbstverliebt als Boxer posiert. Oder der ehemalige kanadische Premierminister, der zurzeit turtelnd wie ein Teenager mit seiner Popstar-Freundin durchs Weltgeschehen tingelt und verschmuste Bilder davon postet. Es hat etwas Beruhigendes, daran erinnert zu werden, dass man es auch auf internationalem politischem Parkett mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat, die mal die Fassung verlieren – dann aber wieder professionell zum Tagesgeschäft übergehen können.
Bei Donald Trump ist das anders: Er verliert die Fassung nicht, er hat gar keine. Sein Verhalten ist durchgehend kindisch und irrational, ein Fauxpas jagt den nächsten, er bemüht sich erst gar nicht darum, einen Anschein von Seriosität und Anstand zu erwecken. Seine Anhänger finden das authentisch, alle anderen sind auf der Hut, weil sie wissen: Bei Trump muss man jederzeit auf alles gefasst sein, Impulskontrolle ist nicht.
Für Giorgia Meloni kam das offenbar überraschend: Bisher dachte sie wohl, gegen die Attacken des US-Präsidenten gefeit zu sein. Nun zeigt sich, es ist nichts mit dem Sonderstatus; ein Schulhof-Bully wie Trump verschont keinen. Meloni habe beim G7-Treffen um ein Foto mit ihm regelrecht gebettelt, sie könne einem leidtun, verhöhnte er sie.
Und Meloni? Tappt prompt in die Falle und geht auf das Spielchen ein, indem sie in einem Video pathetisch verkündet, weder sie noch Italien würden jemals um irgendetwas betteln. Si tacuisses, Giorgia! Ein Selfie mit dem orangen Mann als politischer Zerwürfnisgrund, das menschelt dann doch zu viel für meinen Geschmack und macht sich auch in den Geschichtsbüchern nicht so toll. Wenn Angriffe gar zu unterirdisch daherkommen, rät mir ein weiser Freund stets: net amol ignorieren. Möge Meloni es sich merken und sich der Würde ihres Amtes bewusst sein: Für Schulhof-Streitereien und Eifersüchteleien sollte da kein Platz sein.

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin
und ehemalige ff-Redakteurin

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