Außensicht

Mädchen Scheiß: Cherry Kiss

Aus ff 39 vom Donnerstag, den 25. September 2025

Früher gab’s für die Tochter immer Süßigkeiten als „Mitgebsel“ bei den Geburtstagsfeiern, zu denen sie eingeladen war: Bonbons, Schoko, Kekse. In letzter Zeit aber sind da immer öfter Dinger im Sackl, die auf den ersten Blick zwar wie Naschereien aussehen, aber keine sind. Quietschbunte, oft pinke, glitzernde Döschen, Tubelen und Beutelchen mit Aufschriften, die klingen wie Juicy Cherry Balm oder Coco Kiss Dream oder Sparkle Strawberry Glow. Man kriegt Hunger, ja, aber essen kann man das Zeug nicht; man oder besser Mädchen soll es sich ins Gesicht schmieren.
Neulich kam das Kind mit zwei Teilen an, die aussahen wie plattgefahrene, grünlich phosphoreszierende Raupen: Sie merken meine Ignoranz in diesen Belangen, die auch das Kind mit einem Augenrollen quittierte. Es klebte sich die Dinger unter die Augen, sah aus wie ein Rugbyspieler und informierte mich, das seien Eye Pads: gegen Augenringe und Fältchen. Das Kind ist elf, ich muss Ihnen nicht sagen, dass es keine Fältchen hat.
In Drogeriemärkten finden sich immer mehr von diesen lustigen, ja süß aussehenden Produkten: Badeperlen, die riechen und aussehen wie Kaugummi, pflegende Gesichtsmasken mit Rehaufdruck, Glitzerpuder, das sich die Mädels auf die Nase reiben – ich weiß nicht, warum; glänzende Nasen waren zu meiner Zeit ein No-Go. Das Zeug kostet nicht viel, ist also taschengeldtauglich, und wenn man sich bei Eltern durchfragt: Ja, immer mehr vom Ersparten geht für Kosmetikartikel drauf, die die Kinder glauben zu brauchen, obwohl sie ja eben das noch sind: Kinder.
Glauben machen sie das irgendwelche Influencerinnen in irgendwelchen Videos, die auch ganz tolle Tricks parat haben, wie man sich die Pomaden selbst zusammenmixt: Das Badezimmer können sie danach renovieren. Wir haben uns auch geschminkt als Kinder, aber der Effekt war grotesk-karnevalesk, der Lippenstift aus Hartplastik. Ich habe als Elfjährige nie auch nur einen Gedanken an den Alterungsprozess meiner Haut verschwendet. Dass Mädchen nun immer früher vermittelt bekommen, sie seien unzulänglich und müssten korrigieren, ist kein Kindergeburtstag. Es ist eine Herausforderung für uns Eltern. 

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin

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