für die aktuelle Titelgeschichte haben wir zweimal bewusst auf die Hilfe von künstlicher Intelligenz zurückgegriffen: die Grafik-Abteilung auf ...
Außensicht
Hass im Netz: Anonyme Wutoholiker
Vor rund zehn Jahren saß ich mit Arno Kompatscher im Garten des Hotel Laurin. Wir hatten gerade unser Interview beendet, er aß noch ein Sandwich und fragte mich nach meiner Meinung zu einem virulenten Thema: wie umgehen mit dem Hass im Netz? Die Position der SVP war: Niemand, kein Rentner und keine Beamte, würde die Dinge, die er anonym absondert, auch im „echten Leben“ sagen. Deshalb brauche es Klarnamen in Online-Foren, die dem Gepöble ein Gesicht geben und dafür sorgen, dass man sich wieder streitet wie früher: Aug in Aug,
Watscheneinsatz optional.
Ich weiß noch, wie energisch ich damals dagegen argumentierte. Ich hielt so eine Pflicht für falsch, unkontrollierbar, vor allem aber rückwärtsgewandt: Waren die größten Pöbler nicht längst stolz mit vollem Namen unterwegs? Der Landeshauptmann hörte zu, überzeugt war er nicht: Wenig später passierte sein Vorschlag in abgeschwächter Form den Landtag – für Medienforen galt nun eine Registrierungspflicht – und das Online-Gebrüll hatte ein Ende. Oder?
Mitte Juni 2026 legte das Land unter dem Slogan „Dein Kommentar. Dein Gesicht“ eine Kampagne neu auf, die Leitfrage soll sensibilisieren: „Würde ich diesen Satz aussprechen, wenn mein Gegenüber vor mir stehen würde?“ Auch Kompatscher war wieder dabei, lobte das Internet als „Ort der Demokratie“, der so schön sein könnte, wenn, ja wenn. In der Realität wird freilich alles immer schlimmer: In den zehn Jahren seit dem SVP-Vorstoß wurde Hass zum politischen Mittel unserer Zeit, die Online-Wut produzierte Marken, Karrieren, ganze Parteien – und niemand, wirklich niemand schämt sich mehr dafür, sie stolz zu äußern.
Remigrationsfantasien werden nicht von „User19$33“ verbreitet, sondern von gewählten Abgeordneten. Rassismus versteckt sich nicht hinter grauen Silhouetten, sondern hinter grinsenden Profilbildern. Und ich frage mich, ob man zur Abwechslung nicht mal das Gegenteil versuchen sollte: statt Klarnamen eine Anonymisierungspflicht, als Strafe für besonders auffällige Pöbler. Jürgen Wirth Anderlans Kommentare wären vielleicht nicht erträglicher, aber fiele es so nicht deutlich leichter, sie zu ignorieren?
von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des
Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg
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