wer seinen Hausarzt oder seine Hausärztin besucht, bekommt oft die Frage gestellt: „Wie geht es Ihnen?“ ff-Redakteurin Silke Hinterwaldner hat es ...
Außensicht
Kirchen-Nachwuchs: Das Ende der Mission
Aus ff 40 vom Donnerstag, den 01. Oktober 2026
Seit vor wenigen Wochen unsere Tochter zur Welt kam, fühle ich mich sehr geliebt. Nicht unbedingt von ihr, Neugeborene nehmen ihre Eltern ja in erster Linie als Windel- und Milch-Maschinen wahr – dafür aber von den vielen Firmen, die uns plötzlich liebevoll umschwärmen. Da waren die Newsletter und Produktproben, die schon Monate vor Entbindung im Briefkasten lagen. Oder die „Baby-Smile“-Fotografinnen, die noch im Krankenhaus ungefragt ins Patientenzimmer stürmten. Und natürlich die üppigen Geschenkboxen von gleich drei Drogeriemärkten, inklusive besticktem Bademantel für ein Baby, das noch nicht mal baden darf.
Die Anwerbungsversuche sind plump, aber effektiv, ein Kind macht aus Menschen eben nicht nur Eltern, sondern auch die werberelevanteste Zielgruppe überhaupt: ständig besorgt, völlig überfordert und jeder freundlichen Überrumpelung hilflos ausgeliefert. Und wer das Kind jetzt fasst, hat es womöglich ein Leben lang. Umso mehr wundere ich mich, wo jene Gratulantin bleibt, die treue Neukunden am nötigsten hätte: Wo, frage ich, ist denn nur die Kirche?
Ob evangelisch oder katholisch: Nicht einmal hatte die Institution in den vergangenen neun Monaten Kontakt zu mir, kein Video appellierte mit Palmbesen voller Brezeln an meine nostalgischen Gefühle, kein Flyer erinnerte mich an Taufkleidchen und ewige Erlösung. Wäre ich nicht getauft, ich wüsste nicht, dass es dieses Sakrament überhaupt gibt, es ist, als würde man den ganzen Zauber am liebsten verstecken, um unter sich zu bleiben. Wie kann das sein?
Mir scheint, als hätte die Kirche nach 2.000 Jahren Vorsprung das Onboarding verlernt, oder wie man früher sagte: die Mission. Mit der Taufe fing sie einst die jüngsten Schäfchen, jetzt ölt sie in erster Linie die ältesten und scheint darüber nicht annähernd so unglücklich, wie man erwarten würde. Vielleicht denkt sie, sie hätte Marketing nicht nötig? Jesus würde widersprechen: Seine Bergpredigt war im Kern ein Newsletter, Brot und Fisch seine Geschenkebox – nun fehlt eben beides. Traurig? Kommt darauf an: Unsere Tochter wird ohne Kirche überleben, umgekehrt bin ich mir da nicht so sicher.
von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg
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