Außensicht

Die Rechten und die AfD: Ein deutsches Requiem

Aus Südtiroler Sicht gibt es nichts, worum man Sachsen-Anhalt beneiden müsste. Das Bundesland hat viermal so viele Einwohner, aber die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist um 40 Prozent geringer, die Bevölkerung fünf Jahre älter, die Arbeitslosigkeit viermal höher und die Zukunft grau wie die Plattenbauten, die die DDR überlebt haben. Man beleidigt die Teutonen nicht, wenn man sagt: In Tirols Süden lebt es sich besser als in Deutschlands Osten. Die „blühenden Landschaften“, die Helmut Kohl versprach, gibt es, aber zwischen Brenner und Salurner Klause.
Südtirols Rechtspopulisten wissen das, und schielen gerade deshalb sehnsüchtig nach Sachsen-Anhalt. „Wenn es uns hier nur genauso mies ginge“, wird sich Sven Knoll denken, „wäre ich nicht Ex-Landeshauptmann-Kandidat, sondern Kalif anstelle des Kalifen.“ Umso mehr bemühen sich seine Marketender und -tenderinnen darum, von der AFD zu lernen: Wie redet man ein Land so schlecht, dass man an der absoluten Mehrheit kratzt?
Die Strategie leuchtet ein, hat aber entscheidende Nachteile: Erstens leidet der Markt der AFD-Kopien mittlerweile unter Overtourism, sehr viele Parteien konkurrieren um einen Blauton. Zweitens baut sie auf eine Grundsympathie zwischen Tirolern und bundesdeutschen Besserwissern, auf die ich persönlich nicht vertrauen würde. Der AFD-Jugend-Chef, Knolls Stargast in Tramin, sagte dem Medium UnserTirol24, dass er Südtirol sehr gut verstehe, er war nämlich schon einmal in Bozen – „nun wolle er auch andere Orte kennenlernen“. Ah ja, ein echter Experte also, an den man seine politische Zukunft unbedingt ketten möchte.
Vielleicht wäre die Südtiroler Freiheit besser beraten, sich an Herbert Kickl zu orientieren. Als der FPÖ-Chef kürzlich von einer Journalistin auf die Erfolge seiner „Schwesterpartei“ AFD angesprochen wurde, blaffte er zurück: Man sei nicht verwandt, es gebe kein Bündnis, und überhaupt, was soll diese Frage? Kickl hat verstanden, was Knoll noch lernen muss: Wenn sich der gemeine Alpenbewohner zwischen dem freundlichen Albaner und dem geleckten Brandenburger entscheiden muss, ist keinesfalls sicher, wen er am Ende lieber remigriert.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des
Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg

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