Wie aktiv Südtirols junge Erwachsene sind und was sie vom Sport abhält. Ein Blick auf die Zahlen.
Kultur
Königin der Schmerzen
Aus ff 37 vom Donnerstag, den 10. September 2026

Nackt, blutig, riskant: Florentina Holzinger und ihre Truppe schockieren mit ihren Auftritten. Bald auch in Bozen. Was soll das?
Bei der Biennale in Venedig hängt Florentina Holzinger in einer Glocke, nackt. Oder sie schwimmt in der (aufbereiteten) Pisse, die die Besucherinnen und Besucher abgesondert haben. „I live in your piss“ (Ich lebe in eurer Pisse) steht dann auf T-Shirts, die sie bei Pressekonferenzen trägt. „Seaworld Venice“ ist der österreichische Beitrag zur Biennale 2026 – die Leute reihen sich dafür in eine lange Warteschlange ein.
Holzingers Arbeiten sind eine wilde Mischung (freilich genau berechnet) aus nackten Körpern, die an Haken und Seilen hängen, aus Maschinen, Musik und riskanten Stunts. Provokationen, die darauf abzielen, die Leute zu schockieren. Holzinger zeigt ihre Arbeiten in Opernhäusern, in Theatern (Volksbühne Berlin), im Freien wie zuletzt bei den Bregenzer Festspielen, wo sie eine Glocke im Bodensee versenken ließ. Es war eine Fortsetzung des Auftritts bei der Biennale. Eine Etüde wie die Performance im Europa-Stadio (wo sonst Rugby gespielt wird) in Bozen (Reschenstraße 3, 19.9., 19 Uhr) im Rahmen des Festivals Transart.
Das österreichische Nachrichtenmagazin Profil nannte sie eine „Art weiblichen Messias“, der Falter fragte: „Wird dieser Red-Bull-Aktionismus überzeugender, wenn man ihn als weibliche Selbstermächtigung verkauft?“ Was nun? Wer ist diese Frau, wie arbeitet sie, was erwartet uns in Bozen?
ff: Was werden Sie in Bozen machen?
Florentina Holzinger: Eine Stadion-Etüde, ein Satellitenprojekt zum österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Wir gehen mit unserer Glocke um die Welt, weil es uns wichtig ist, Inhalte aus Venedig hinauszubefördern.
Was passiert in Bozen mit der Glocke?
Wir werden sie mithilfe eines Heißluftballons in die Luft emporheben. Wir werden die himmlischen Glocken läuten. Wir arbeiten im Europastadion in Bozen, wo Rugbyspiele ausgetragen werden, einem Symbol der Männlichkeit, das sich freilich ein bisschen im Verfall befindet.
Was ist die Anbindung an Südtirol?
Die lokale Musik, in diesem Fall die Volksmusik – eine Etüde ist ja auch ein Musikstück. Wir verstehen unter Etüden Projekte, die sich mit dem Ort auseinandersetzen, mit den Mythen, die sich um diesen Ort ranken. Es sind Experimente mit Körpern und Musikinstrumenten, Kompositionen im öffentlichen Raum. Wir choreografieren Körper und machen sie so zu Instrumenten, zusammen mit akustischen Instrumenten. Alles, was drum herum passiert, im öffentlichen Raum, wird Teil der Choreografie, die Natur, die urbane Infrastruktur.
Wie erarbeiten Sie so eine Performance?
Das Erste, was wir tun, ist, uns viele Orte anzuschauen. Das haben wir auch in Südtirol so gemacht. Wir haben mit den Bergen geliebäugelt, auch mit den Stauseen. Der Reschensee hat uns zum Beispiel fasziniert, die politische Bedeutung, mit der er aufgeladen ist, der Eingriff des Menschen in die Natur, der hier sehr augenscheinlich ist. Wir haben uns trotzdem entschieden, in Bozen zu bleiben, in einem Stadion, am Rand Bozens, in einem Wohngebiet, in dem Kultur nicht so oft Teil des Lebens und des Stadtbildes ist. Wir werden aber sicher auch in Zukunft in Südtirol arbeiten, in dieser faszinierenden Berglandschaft.
Was wird bei der Performance zum Einsatz kommen, Heißluftballon, Glocke, nackte Körper, die an Haken hängen, die sich in den Körper bohren?
Ich will nicht alles verraten, es kommt auch auf das Wetter an. Es wird ein Heißluftballon fliegen, es wird viele Glocken geben, eine Blasmusikkapelle, ein driftendes Auto, das zentrale musikalische Element ist die Zither. Und es gibt eine musikalische Neuinterpretation eines Holzhacker-Schuhplattlers.
Warum immer wieder der nackte Körper, wie bei der Biennale in Venedig, wo etwa Sie selbst als Klöppel in einer Glocke schwingen?
Das war die Frage, die ich in Venedig jeden Tag zu beantworten hatte. Nacktheit hat in meinen Arbeiten stark damit zu tun, dass ich mich mit den Frauenbild in der Gesellschaft und in der Kulturgeschichte beschäftige, besonders mit dem Frauenbild in patriarchal geprägten Institutionen wie der Kirche.
Worum geht es genau?
Es geht um den Ausdruck von weiblicher körperlicher Selbstbestimmtheit. Und dazu gehört auch das Statement, dass eine Frau nackt sein darf, ohne dass sie sexualisiert oder der Pornografie zugerechnet wird. Und dann ist es auch eine ästhetische Frage.
Ist das weibliche Selbstbestimmtheit, sich selbst zu verletzen, Schmerzen zu ertragen, nackt am Seil zu hängen oder wie ein Klöppel in einer Glocke zu schwingen?
Ausdauer und Widerstandsfähigkeit sind Eigenschaften, in denen wir Frauen schon immer sehr gut waren. Uns hat es interessiert, das zu vertiefen, oder auch zu instrumentalisieren für die Kunst, die wir machen. Schmerz gilt in vielen Kulturen als Initiationsritus, beim Übertritt ins Erwachsenenalter kann er eine wichtige Bedeutung haben, die nicht nur negativ ist. Grundsätzlich ist Schmerz gut, wenn man Schmerz spürt, ist man am Leben. Aber was mich speziell, im Bezug auf unsere Arbeit, an dem Thema interessiert, ist der gesellschaftlich akzeptierte Schmerz. Im 21. Jahrhundert ist der Schmerz, wenn er der Körperoptimierung dient, der Fitness, der Schönheit, akzeptiert.
Das österreichische Nachrichtenmagazin Profil hat Sie und Ihre Performerinnen eine „todesverachtende Truppe“ genannt. Finden Sie sich in der Bezeichnung wieder?
Todesverachtend? Ich respektiere den Tod sehr, sonst würde ich mich nicht so viel mit ihm beschäftigen. Wir zeigen in unserer Arbeit den Körper, der im Zerfall ist, und versuchen, damit zurechtzukommen. Grundsätzlich würde ich sagen: Ich liebe es, am Leben zu sein. Wir schauen uns gegenseitig beim Sterben zu: So habe ich als Theatermacherin schon immer das beschrieben, was auf der Bühne passiert. Nicht, dass es da Stunts gibt oder gefährliche Dinge passieren, sondern dass wir lebenden Körpern zusehen, die sich unweigerlich dem Tod nähern. Wenn wir das Theater verlassen haben, sind wir alle ein paar Stunden unserem eigenen Tod näher. Aber im Grund zelebrieren wir Lifeness mit allem, was wir können.
Sie gehen ja trotzdem Risiken ein.
Wir arbeiten mit High-Risk-Stunts. Mit ähnlichen Risiken wie die Leute im Zirkus. Wir versuchen, das Risiko zu minimieren. Das ist viel Aufwand, etwa für die Sicherheitstechnik. Wir spielen dramaturgisch gerne damit, dass Dinge riskant ausschauen, aber definitiv ist bei uns alles extrem betreut und ausgeklügelt.
Wollen Sie berühren, auch unangenehm, etwas bewegen?
In erster Linie will ich mich selbst bewegen, es ist schön, wenn das andere Leute auch bewegt. Letztendlich geht es in meiner Arbeit darum, das ist mir durch die Biennale in Venedig noch einmal klarer geworden, den Leuten und der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Wenn wir das schaffen, ist das Projekt geglückt. Dinge zu zeigen, wie sie sind, macht es möglich, dass Leute die Perspektive wechseln. Wir schrecken Leute gerne aus ihren Gewohnheiten und Mustern.
Besteht nicht die Gefahr, dass die Leute sagen, das kennen wir schon, das ist jetzt nur mehr Effekthascherei?
Es gibt immer Leute, die das so sehen. Das sind die, die Angst haben, sich selbst im Spiegel zu betrachten. Für mich ist jede neue Arbeit eine Möglichkeit, tiefer und tiefer in eine Materie einzudringen, zur Essenz der Dinge vorzudringen.
Gibt es Grenzen?
Viele. Hygienische und sicherheitstechnische, praktische Grenzen.
Wie hält Ihr Körper das aus?
Dadurch, dass ich ständig mittendrin bin, bleibe ich in Form. Das Training der Resilienz ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Alles, was wir in Venedig tun, kann auch als Training gesehen werden, als Vorbereitung für neue Arbeiten.
Wie trainieren Sie Resilienz?
Ich habe zum Beispiel lange trainiert, um es, wie in Venedig, acht Stunden lang in einem Tank mit aufbereitetem Urin auszuhalten, um darin zu überleben. Und nicht nur darin zu überleben, sondern es zu einem sinnvollen Erlebnis zu machen. Ich höre ja oft von außen, das muss ja qualvoll sein, das schadet der Gesundheit. Ich antworte dann den Leuten, wir quälen uns nicht, sondern fordern gerne unsere Körper heraus. Im Tank zu sein, ist eines der schönsten Dinge, die ich als Künstlerin erleben kann: Man hat kein Telefon, ist unbehelligt von der Welt, hat Zeit nachzudenken. Es ist in gewisser Weise ein Privileg, in einem Tank von aufbereitetem Urin zu überleben.
Weil?
Man dadurch die Möglichkeit hat, in der Welt zu leben, wie sie ist, zu sehen, wie sie ist, ohne Illusionen.
Ja, wie geht das, in Pisse zu schwimmen?
Es muss dafür eine große Motivation geben. Unsere Motivation ist, lernen mit der Welt, wie sie ist, umzugehen.
Sie putzen in Venedig auch die Klos, in denen die Leute den Urin „spenden“, in dem Sie dann schwimmen.
Der Pavillon in Venedig ist auf Immersion angelegt. Die Leute kommen nicht nur, um sich die Kunst anzuschauen, sondern beteiligen sich aktiv daran. Wir brauchen den Urin der Leute, um unsere Installation zu füllen. Es ist also essenziell, dass die Leute verstehen, dass dahinter viel Technologie steckt, damit Urin in trinkbares Wasser umgewandelt wird. Das sind Systeme, die in der Raumfahrt verwendet werden, viele Firmen beschäftigen sich damit, wie man Urin nutzen kann. Deshalb gehört zur Performance auch viel Konversation.
Wie radikal sind Sie?
Ich würde mich selbst nicht als radikal bezeichnen. Aus meiner Sicht ist alles, was wir tun, ganz normal. Nacktheit oder der Umgang damit sollten etwa normal sind. Was wir schon sind: eindeutig, klar – das sind gute Eigenschaften und ist erstrebenswert in der künstlerischen Arbeit. Ich will nicht um den heißen Brei herumreden, das wird sowieso die ganze Zeit getan.
Wundert Sie der Erfolg Ihrer Arbeit?
Erfolg kann keine Rolle in meiner Arbeit spielen, das würde mich nur korrumpieren. Meine Arbeit hat immer schon stark polarisiert. Es gibt viele Leute, die uns hassen, infrage stellen, ob das überhaupt Kunst ist. Was mir wichtig ist: dass sie für alle zugänglich ist.
Macht es Ihnen Spaß, noch?
Humor spielt in meinen Arbeiten eine große Rolle. Ich mache die Arbeit nicht allein, ich arbeite in einem Team, in dem es eine starke kollektive Energie gibt, indem wir uns alle den Rücken stärken.
Ist das noch Kunst oder kann das weg?
Wenn es Leuten nicht so klar ist, was das ist, was sie anschauen, wenn sie Schwierigkeiten haben, es einzuordnen, ist das für mich ein wertvoller gesellschaftlicher Beitrag.
Interview: Georg Mair
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Florentina Holzinger, 40, ist in Wien aufgewachsen und hat in Amsterdam Tanz studiert. Bekannt geworden ist sie mit ihren Inszenierungen, bei denen sie den eigenen Körper und den ihrer Darstellerinnen einsetzt. Nach 2023 treten sie und ihre Truppe wieder am 19.9. beim Festival Transart in Bozen auf. Holzingers Karriere begann 2011 mit „Silk“; die Inszenierungen der letzten Jahre, die das Publikum begeistert – und gespalten – haben, waren: „Ophelia’s Got Talent“ (Volksbühne Berlin, 2022), „SANCTA“ (Mecklenburgisches Staatstheater, 2024) und jetzt „Seaworld Venice“ bei der Biennale in Venedig (bis 22. November). 2024 wählte sie das Kunstmagazin Monopol zur Künstlerin des Jahres.
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